Kalter Schock: Setzt VW doch auf das Killerkältemittel?

Autohersteller sind mit der Entwicklung unschädlicher CO2-Klimaanlagen im Verzug

Überraschung im Streit um das Killerkältemittel R1234yf (Tetrafluorpropen) der US-Chemiegiganten Honeywell und DuPont: Laut einem Medienbericht erwägt Volkswagen entgegen früheren Aussagen nun offenbar doch den Einsatz des umstrittenen Kältemittels, das als brennbar und hochgiftig gilt. Der Konzern schließe eine ''größere Bestellung'' der umstrittenen Chemikalie nicht mehr aus, berichtete ''Spiegel online'' unter Berufung auf nicht näher genannte Unternehmenskreise. Damit wäre die Abwehrfront der deutschen Autohersteller zunächst durchbrochen, die statt des gefährlichen Kühlmittels für Klimaanlagen künftig das unschädliche Kohlendioxid (CO2) als Klimaanlagen-Kältemittel nutzen wollten.

Auf Anfrage des kraftfahrt-berichters teilte Volkswagen schriftlich mit: „Der Volkswagen-Konzern steht zu seiner Ankündigung, seine Fahrzeugflotte aus Gründen der Nachhaltigkeit sukzessive mit dem Kältemittel CO2 auszurüsten.“ Kohlendioxid sei für VW „langfristig und strategisch“ das bevorzugte Kältemittel. Das EU-Recht schreibe aber vor, dass das bisherige Kältemittel R134a ab 2017 nicht mehr in Neufahrzeugen verwendet werden dürfe. „Ein direkter Umstieg auf CO2 als Kältemittel ist erwünscht, wäre aber nur möglich, wenn die entsprechende europäische Richtlinie geändert würde.“ Weiter heißt es in der Erklärung, dass R1234yf „zur Zeit“ bei Volkswagen nicht eingesetzt werde. Das aber ist alles andere als ein Dementi und beantwortet nicht die Frage, ob VW den kurzfristigen Einsatz von R1234yf nicht doch erwägt.

Dabei hatte sich VW-Patriarch Ferdinand Piëch noch im November 2012 festgelegt: „Das richtige Kältemittel ist CO2. Das brennt garantiert nicht. Bis das kommt, verwenden wir das bewährte Mittel R134a.“ Jetzt deutet sich bei VW aber an, dass man eine Übergangslösung braucht.

Zum Konflikt zwischen den deutschen Autoherstellern und der EU-Kommission ist es gekommen, als Daimler sich weigerte, Automodelle mit neuer Typenzulassung, wie von Brüssel verlangt, mit dem neuen US-Kältemittel auszustatten. Dem waren Crashversuche voraus gegangen, bei denen die extrem ätzende und giftige Flusssäure entstanden war. Daimler kündigte daraufhin an, weiterhin das alte, aber umweltschädlichere Kältemittel R134a (Tetrafluorethan) zu verwenden, und erhielt für diese Neufahrzeuge eine deutsche Zulassung. Die EU-Kommission treibt deshalb ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik voran.

Für neue Automodelle ist in der EU seit Anfang 2013 ein klimaschonendes Kältemittel vorgeschrieben. Einzig das brisante R1234yf erfüllt die neuen Umweltkriterien. Für Kohlendioxid, das ungiftig und sogar klimafreundlicher ist als R1234yf, benötigen die Hersteller jedoch mehr Entwicklungszeit, die ihnen der zuständige EU-Kommissar Antonio Tajani nicht einräumen will. Er betont dagegen, dass das bisherige Kältemittel ab 2017 nicht nur für Modelle mit neuer Typenzulassung verboten sei, sondern für alle neu produzierten Autos.

BMW, Daimler und VW arbeiten in einem Arbeitskreis beim Verband der Automobilindustrie (VDA) an der nötigen CO2-Technik. Noch im Januar hatte Daimlers Entwicklungschef Stefan Geyer erklärt: „Wir werden Mitte des Jahres die Serienaufträge zur Fertigung der Baukästen (für CO2-Klimaanlagen) an die Zulieferer erteilen.“ Doch inzwischen ist fraglich, ob das überhaupt möglich ist. Denn die CO2-Klimaanlagen verlangen eine neue Technik, weil sie nur unter extrem hohem Arbeitsdruck funktionieren.

Einen anderen Grund für die Schwierigkeiten der CO2-Kühler sieht der Kölner Experte für Autoklimaanlagen, Axel Holler, in der mangelnden Leistungsfähigkeit der CO2-Systeme bei hohen Außentemperaturen. „Bei Temperaturen von 35 Grad Celsius und mehr sind diese Anlagen schnell überfordert“, sagte Holler im Gespräch mit dem kraftfahrt-berichter:

Es wäre fatal, wenn es keine Abhilfe gäbe. Die derzeit mit dem US-Kältemittel R1234yf weltweit ausgestatteten rund drei Millionen Autos hält Holler für eine Gefahr. Er entwickelte bereits vor fünf Jahren mit Air-Alarm ein umfangreiches Sicherheitssystem, das Insassen und Rettungskräfte bei einem Unfall schützen soll, indem es Warnsignale abgibt, wenn Fluorwasserstoff durch einen Brand oder einen Unfall freigesetzt wurde. Dann wird sofort die komplette Lüftungsanlage stillgelegt, die Fenster schließen automatisch, und Ventile unterbrechen automatisch den Fluss des Kältemittels im System.

Text: Otto Küpper/Beate M. Glaser (kb)




Kommentar: Der Umwelt zuliebe Menschenleben aufs Spiel setzen?

Im Streit um das brisante Klimaanlagen-Kältemittel R1234yf (Tetrafluorpropen) droht den CO2-Verfechtern ein großes Problem: Sie können nicht rechtzeitig liefern. Den Beleg lieferte in diesen Tagen der VW-Konzern. Er hatte das US-Kältemittel für seine Fahrzeuge zunächst kategorisch ausgeschlossen, nun backt er auf einmal kleine Brötchen und dementiert Medienberichte nicht, wonach der Konzern die Verwendung des hochgefährlichen Kältemittels als „Zwischenlösung“ doch in Erwägung ziehen soll.

Das gibt Anlass zu vielen Fragen und zu noch mehr Vermutungen und Zweifeln. Für die deutsche Autoindustrie, vor allem für BMW, Daimler und VW, die auf CO2-Klimaanlagen für risikofreie Kühlung setzen, ist das ein herber Rückschlag. Immerhin hatte Daimler den gemeinsamen Start der CO2-Klimaanlagen schon für die erste Hälfte dieses Jahres angekündigt. Schlimmer noch: Klimaanlagenexperten äußern ernsthafte Zweifel an der Leistungsfähigkeit der CO2-Lösung bei hohen Temperaturen. Nun muss sich erweisen, ob das ein lösbares Problem ist – oder ein grundsätzliches.

Im ersten Fall würde man sich allerdings fragen, warum VW eine „Zwischenlösung“ suchen sollte. Der VW-Wunsch, „die entsprechende europäische Richtlinie“ zu ändern, könnte heißen, dass der Wechsel zu CO2-Klimaanlagen auch bis 2017 nicht zu schaffen ist. Das wäre nicht nur für VW, sondern auch für die anderen deutschen Hersteller ein Image-Desaster. Ein wahrer Alptraum wäre aber die Vorstellung, wenn aus der CO2-Lösung überhaupt nichts würde.

Dann wäre allerdings auch der EU-Kommission und dem EU-Parlament der Vorwurf zu machen, sich nicht vergewissert zu haben, ob es überhaupt eine deutlich weniger lebensgefährliche Lösung gibt als das US-Kältemittel. Denn der Umwelt zuliebe Menschenleben aufs Spiel zu setzen – das ist völlig unakzeptabel.

Text: Otto Küpper (kb)
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Von RobGal am 30. Juni 2014, 11:19 Uhr veröffentlicht
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